Vermögensverteilung im europäischen Vergleich I
Montag, 20 Juni 2016 11:51

Wieviel Vermögenskonzentration ist gut für eine Gesellschaft, treibt diese zu höheren Leistungen an?
Das ist eine häufig diskutierte Frage. Die Frage davor sollte jedoch lauten: Wo und in welcher Form liegt das Vermögen einer Gesellschaft?
Bezüglich idealer Größen scheiden sich ohnehin die Geister, also bleiben wir bei den konkreten Zahlen.

Im Zeitraum 2010 / 2011 führten die nationalen Zentralbanken auf Initiative der EZB in allen Ländern des Euroraums den sogenannten Household Finance und Consumption Survey durch. Die Umfrage erhebt also die finanzielle Situation und das Konsumverhalten der europäischen Haushalte. Seither werden die Auswertungen dieses gehobenen Datenschatzes – der sogenannten ersten Erhebungswelle – in Veröffentlichungen thematisiert und die Daten selbst für Forschungszwecke zur Verfügung gestellt. Im Jahr 2014 fand dann die zweite Erhebungsrunde statt. Einzelne Länder (wie etwa Deutschland) haben ihre neuen Daten bereits vorgestellt. Österreich folgt am 20. Juni 2016. Gesamt-Vergleichsdaten sind noch ausständig. 

Nun zur ersten Welle:

Die Vermögensverteilung der Euroraum-Haushalte zeigt, dass die unteren 20 Prozent der Haushalte in Summe kein Nettovermögen besitzen. Das Nettovermögen wird dabei aus Sachvermögen plus Finanzvermögen abzüglich Verschuldung ermittelt. Auch die untere Hälfte der Haushalte verfügt in Summe nur über 6 Prozent des Vermögens, die obere Hälfte dementsprechend über 94 Prozent.

Anteil

Quelle: EZB, Statistics Paper Series, NO 2 / April 2013, The Eurosystem Household Finance and Consumption Survey - Results from the first wave, S. 73

 

Grob gesprochen könnte man sagen: 
Rund ein Drittel des gesamten Vermögens entfällt auf 

1.  die unteren 80 Prozent der Haushalte
2.  ein weiteres Drittel auf die nächsten 15 Prozent der Haushalte
3.  sowie das letzte Drittel an die obersten 5 Prozent der Haushalte. 

Da die Daten im Rahmen einer freiwilligen Erhebung gesammelt wurden, sind insbesondere der obere Rand der Verteilung und das Finanzvermögen nur unzureichend abgebildet. Dieses Problem versucht eine im Mai 2016 erschienene Forschungsarbeit der EZB zu lösen. Sie liefert angepasste Schätzungen zu den Vermögensanteilen des obersten 1 Prozents. Die Ergebnisse zeigen, dass die ursprünglichen Schätzungen, die sich in der ersten Spalte finden, stark nach unten verzerrt sind (mit Ausnahme von Frankreich, Spanien und Finnland – dort werden wohlhabende Haushalte von vornherein übergewichtet). 

Nach der Anpassung ebenso wie vor der Anpassung führen jedoch Deutschland und Österreich die Tabelle in Bezug auf die höchsten Vermögensanteile des obersten 1 Prozents an. Für Deutschland erhöht sich der Anteil durch die Korrektur auf 30 bis 31 Prozent, für Österreich sogar auf 31 bis 34 Prozent. In Österreich wurden vor allem die Schätzungen zum Finanzvermögen stark angepasst, also angehoben. 

Verteilung

Quelle: ECB Working Paper Series, Estimating the top tail of the wealth distribution, No 1907 / May 2016, Table 2, S. 11.

 

Abschließend wollen wir uns noch mit der Frage beschäftigen, welcher Anteil der Haushalte bestimmte Vermögenskategorien besitzt. Erhoben wurden übrigens wesentlich mehr Kategorien als hier dargestellt. Insgesamt haben 60 Prozent aller Haushalte in ihren Hauptwohnsitz investiert. Der niedrigste Wert in der Länderauswahl entfällt hier auf Deutschland mit 44 Prozent, der höchste auf Spanien mit 83 Prozent. 

Bei den anderen angeführten Vermögenskategorien gestaltet sich die Situation folgendermaßen: 11 Prozent aller Haushalte besitzen Fonds, 5 Prozent Anleihen, 10 Prozent öffentlich notierte Aktien und 33 Prozent eine private Pensions- oder Lebensversicherung. Wie man aus der Darstellung sehen kann, ist die Streuung zwischen den einzelnen Ländern teilweise beträchtlich. 

Es bleibt abzuwarten, wie sich diese sowie andere Investitionsquoten vor dem Hintergrund des herrschenden Umfeldes sehr niedriger Zinsen und gedämpfter Wachstumsaussichten entwickeln werden. Die zu Deutschland im März 2016 veröffentlichten Zahlen der zweiten Erhebungswelle weisen nicht auf strukturelle Änderungen hin. 

Wichtig ist das in Verbindung mit der Frage, welchen konkreten Einfluss das Anlageverhalten auf die Vermögenssituation und die Vermögensentwicklung hat – das Anlageverhalten, das seinerseits ja von der Vermögenssituation mitbestimmt wird.

Länder

Quelle: Eurosystem Household Finance and Consumption Network, Statistical Reference Tables for the Household Finance and Consumption Survey, July 2013, Tables B1, C1, S.14, S.22.

Letzte Änderung am Donnerstag, 31 August 2017 16:28